27 Mai 2020

Gold – Geduld ist eine Tugend

1) Rückblick 

Unsere beiden letzten Gold-Analysen vom 16.März sowie vom 20.April waren rückblickend teilweise etwas zu pessimistisch. Zwar kam es bis zum 20. März zunächst tatsächlich zu einem brutalen Ausverkauf und Tiefstkursen um 1.450 USD, die weltweit noch nie gesehenen Geldmengenausweitungen durch fast alle Zentralbanken sorgten dann aber schnell für eine Erholung der Goldpreise bis auf 1.747 USD. Seit diesem Hochpunkt vom 14. April sind die Goldnotierungen letztlich volatil zwischen 1.660 USD und 1.765 USD seitwärts gelaufen. Es kam also nicht zu den befürchteten tiefen Kursrücksetzern.

Davon gelaufen ist der Goldpreis aber auch nicht. Vielmehr muss man zur Kenntnis nehmen, dass der Goldpreis trotz Corona-Crash und Liquiditätsflutungen seit dem ersten Zwischenhoch bei 1.689 USD am 24. Februar zwischenzeitlich keine großen Fortschritte mehr erzielen konnte. Aktuell kostet die Feinunze um 1.710 USD nur knapp 20 USD mehr. 

In Euro sieht die Rechnung etwas besser aus. Hier erreichten die Preise erst in der vergangenen Handelswoche mit 1.632 EUR ein neues Sieben-Jahres-Hoch und befanden sich auch in den letzten Wochen in einem flacher werdenden Aufwärtstrend.

Alles in allem tritt der Goldpreis also seit acht Wochen auf der Stelle.

2) Chartanalyse Gold in US-Dollar

Gold Wochenchart 27.5.2020

Quelle: Tradingview

Auf dem Wochenchart streben die Goldbullen weiterhin danach, den im August 2018 begonnene Aufwärtstrendkanal endlich hinter sich zulassen. Bislang ist ihnen dieses Unterfangen noch nicht nachhaltig gelungen. Sollten den Bullen jetzt die Kräfte ausgehen oder sie eine Verschnaufpause benötigen, wäre ein schneller Rutsch zurück in die Mitte des Trendkanals sehr wahrscheinlich. Trotz der wochenlangen Konsolidierung auf hohem Niveau ist von einer Erschöpfung zwar noch nichts zu sehen. Von einem „schwindendem bullischen Momentum“ kann man aber schon sprechen.

Auffällig ist, dass sich der Goldpreis bereits seit Jahresanfang primär in der Zone zwischen dem 61,8% Fibonacci Retracements (1.586 USD) und dem 78,6% Fibonacci Retracements (1.733 USD) bewegt. Diese Fibonacci Retracements beziehen sich auf die große Korrektur am Goldmarkt, als die Preise zwischen 2011 und 2015 von 1.920 bis auf 1.045 USD fielen. Seit dem finalen Tief im Dezember 2015 haben die Bullen nun also 61,8% bzw. 78,6% der verlorenen Strecke wieder aufgeholt. Damit stellt diese Zone zwischen 1.586 und 1.733 USD sozusagen den letzten Rückzugsort für die Bären dar.  Kann dieses Bollwerk nachhaltig überwunden werden, wäre der Weg bis zum Allzeithoch bei 1.920 USD und Notierungen oberhalb von 2.000 USD frei. Allein aus dieser Perspektive überrascht das konfuse Hin- und Her der letzten Wochen daher nicht. Gleichzeitig haben die Bären offensichtlich (noch) nicht genug Kraft, um den Bullen hier Raumgewinne abzutrotzen.

Ungünstig präsentiert sich allerdings der Stochastik Oszillator. Beide Linien laufen zwar noch bullisch festgezurrt oberhalb von 80, aber sobald das Momentum auch nur ansatzweise dreht, liefert die stark überkaufte Lage sofort ein Verkaufssignal auf dem Wochenchart. Damit würde eine mehrwöchige korrektive Phase extrem wahrscheinlich.

Insgesamt tritt der Goldpreis seit Wochen auf der Stelle und scheint sich auf hohem Niveau etwas festzulaufen. Eine Trendwende liegt aber bislang nicht vor. Im Idealfall löst sich das zerfahrene Bild mit einem gesunden, aber insgesamt überschaubaren Rücksetzer in den Sommermonaten auf.

Gold Tageschart 27.5.2020

Quelle: Tradingview

Auf dem Tageschart gelang den Bullen am 14. Mai der Ausbruch aus dem fünfwöchigen Konsolidierungsdreieck. Mit dem folgenden Anstieg bis auf 1.765 USD machten sie sofort klar wer Herr im Hause ist. Mittlerweile ist dieser eigentlich bullische Ausbruch jedoch ohne nachhaltige Zugewinne schon wieder beendet worden, denn die Notierungen fielen ausgehend von 1.765 USD rasch bis auf 1.710 USD zurück.

Und so bemühen sich die Bullen aktuell erneut um einen Anstieg. Allerdings bereiten ihnen schon Kurse oberhalb von 1.730/1.735 kurzfristig Schwierigkeiten. Dennoch stehen die Chancen für eine nochmalige Anstiegswelle bis in den Bereich zwischen 1.745 bis 1.765 USD ganz gut. Insbesondere der Stochastik Oszillator hat sich auf dem Tageschart bis in die neutrale Zone hinein abgekühlt. Damit wäre erneut genügend Luft für eine weitere bullische Attacke vorhanden.

Außerdem scheint der Silberpreis, welcher gerade erst ins Rollen gekommen ist, noch nicht am Ende der Erholungsrally angelangt zu sein. Vielmehr könnte Silber den Goldpreis nochmal für ein paar Tage oder Wochen mit nach oben ziehen.

Zusammengefasst ist der Tageschart nach der wochenlangen Konsolidierung neutral. Ähnlich wie im letzten Frühjahr als auch im letzten Herbst gelang dem Goldpreis das Kunststück ohne große Kursverluste und nur mit milden Rückgängen die stark überkaufte Lage zu bereinigen. Damit ist zumindest kurzfristig erneut die Chance auf einen Anstieg in Richtung der Hochs um 1.765 USD auf den Chart gekommen.

3) Terminmarktstruktur Gold

Gold Terminmarkt 27.5.2020

Quelle: CoT Price Charts

Seit dem Ausbruch über die mehrjährige Widerstandszone 1.350/1.375 USD im Mai 2019 ist die Lage am Terminmarkt extrem überdehnt und vollkommen ungesund. Mit dem vorübergehenden Crash Mitte März konnte der aufgestaute Druck zumindest ansatzweise entweichen, in dem die kommerziellen Hedger einen Teil ihrer exorbitant großen Shortposition eindeckten.

Gleichzeitig hat der durch die Coronakrise eingetretene Angebots- und Nachfrageschock die Papierjongleure an der COMEX aber in noch größere Schwierigkeiten gebracht. Kurzfristige Rücksetzer von 20 bis 50 USD lassen sich scheinbar noch immer irgendwie arrangieren, deutlich tiefere Kurse unterhalb von 1.500 USD sind aber nicht absehbar. Diese bräuchten die kommerziellen Hedger jedoch, um ihre kumulierte Shortposition in Höhe von aktuell 290.174 leerverkauften Kontrakten gewinnbringend eindecken zu können.

Gold Hedgers Position 27.5.2020

Quelle: Sentimenttrader

Insgesamt liefert der CoT-Report weiterhin ein klares Verkaufssignal für den Goldpreis. Eine antizyklisch vielversprechende Engstelle ist weit und breit nicht zu sehen und läge frühestens bei einer kumulierten Shortposition unterhalb von 100.000 leerverkauften Kontrakten vor. Positiv hingegen ist die Entwicklung am Silberterminmarkt. Hier haben die professionellen Spieler den Kurssturz auf 11,60 USD zur Eindeckung ihrer Shortposition bereits genutzt, so dass dem Silberpreis keine allzu große Rückschlags-Gefahr mehr drohen dürfte.

4) Sentiment Gold

Gold Sentiment Optix 27.5.2020

Quelle: Sentimenttrader

Weiterhin liefert das Sentiment-Barometer Optix für den Goldpreis deutlich erhöhte Optimismus-Werte unter den Marktteilnehmer. Die Kursschwankungen in der letzten Handelswoche haben zwar für einen leichten Rückgang der Euphorie gesorgt, insgesamt geht der Konsens aber klar in Richtung weiter steigender Goldpreise.

Selten jedoch bewegen sich Märkte gradlinig einfach weiter nach oben. Vielmehr müssen sie mit Irrungen und Windungen immer wieder dafür sorgen, dass die Masse nicht an den Kursanstiegen voll partizipiert. Um die sogenannte „Wall Of Worry“ wieder aufzufrischen, würde momentan vermutlich bereits ein Rücksetzer in Richting 1.650 oder 1.600 USD ausreichen.

Der Gold Optix mahnt weiterhin zur Vorsicht. Erst wenn sich zumindest ansatzweise Misstrauen und evtl. sogar Panik und Angst unter den Goldanlegern verbreiten, wird es wieder sinnvolle und antizyklische Einstiegskurse geben. 

5) Saisonalität Gold

Gold Saisonalität 27.5.2020

Quelle: Seasonax

Für die nächsten fünf bis zehn Wochen ist das saisonale Muster dem Goldpreis noch nicht wirklich wohlgesonnen. Typischerweise kommt es gerade im Juni vielmehr zu Rücksetzern am Goldmarkt, die dann meist im Juli oder spätestens Mitte August ihren Tiefpunkt finden. Sollte es in diesem Jahr zu einem ähnlichen Verlauf kommen, würde sich eine gute Kaufgelegenheit bieten. Oft markierten diese sommerlichen Tiefpunkte übrigens auch das Jahrestief.

Gold Seasonax 27.5.2020

Quelle: Seasonax 

Zu beachten ist in diesem Jahr allerdings auch die US-Wahl, welche auf den 3. November angesetzt ist. Dieses Ereignis dürfte das zweite Halbjahr an den Finanzmärkten bestimmen. Die amerikanische FED wird alles dafür tun, damit die Finanzmärkte vor diesen Wahlen nicht kollabieren. Die dafür notwendigen weiteren Geldmengenausweitungen dürften die Edelmetallpreise einerseits sicherlich stützen. Andererseits gibt es aber auch ein statistisches Muster, an welchem sich mögliche Schwierigkeiten im zweiten Halbjahr für den Goldpreis ablesen lassen. Bei der letzten US-Wahl 2016 lief sich der Goldpreis in den Sommermonaten um 1.350 bis 1.375 USD fest und korrigierte dann bis Mitte Dezember bis auf 1.123 USD.

In der Konklusion empfiehlt die saisonale Perspektive derzeit eine geduldige und abwartende Haltung. Sollte es in den kommenden zwei Monaten zu einem Rücksetzer am Goldmarkt kommen, wäre dies eine gute Kaufchance. Halten sich die Kurse im Juni und Juli hingegen stabil um und oberhalb von 1.700 USD, steigt die Gefahr, dass der ungünstige US-Wahl Zyklus ab dem Spätsommer beim Gold greift.

6) Bitcoin gegen Gold

Bitcoin Gold Ratio 27.5.2020

Quelle: Chaia

Für einen Bitcoin muss man derzeit 5,15 Unzen Gold bezahlen. Andersherum gesagt kostet eine Feinunze Gold aktuell nur noch 0,194 Bitcoin. Seit dem Tiefpunkt des Corona-Crashs konnte der Bitcoin den Goldpreis damit deutlich outperformen. Seit der zweiten Maiwoche klopft der Bitcoin nun auch wieder an der oberen Begrenzung des Konsolidierungsdreiecks an. Damit steigen die Chancen für einen Ausbruch nach oben immer weiter an. Nur wenn es nochmal zu einer eklatanten Bitcoin-Schwäche kommen würde, müsste man sich auf eine weitere mehrmonatige Konsolidierungsrunde einstellen. Andernfalls, und danach sieht es momentan eher aus, steht der Ausbruch aus dem Dreieck in diesen Wochen an. Im Anschluss wäre ein scharfer Anstieg der Bitcoin-Notierungen die logische Folge. 

Grundsätzlich sollte man sowohl in Edelmetallen als auch in Bitcoins investiert sein. D.h. mindestens 10% und besser 25% seines Gesamtvermögens sollte man in physische Edelmetalle anlegen, während man in Kryptos und vor allem im Bitcoin 1% bis 5% halten sollte. Wer sich mit den Kryptowährungen und Bitcoin sehr gut auskennt, kann individuell sicherlich auch höhere Prozentzahlen in Bitcoin allokieren. Für den normalen Anleger, der natürlich vor allem in Aktien und Immobilien investiert ist, sind 5% im hochspekulativen und hochvolatilen Bitcoin aber schon extrem viel.

7) Fazit und Empfehlung

Der Goldpreis weiß in diesen Tagen nicht so recht wo er hin will. Schon seit Wochen laufen sich die Notierungen klar oberhalb von 1.700 USD im Bereich zwischen 1.740 und 1.765 USD fest. Gleichzeitig befindet sich die Volatilität auf dem Rückzug und es kommt zumindest etwas Ruhe in den Goldmarkt. Noch haben die Bullen das Heft aber in der Hand. Die Bären hingegen bemühen sich seit dem letzten Hochpunkt bei 1.765 USD verstärkt um eine Trendwende. Außer einem Rückgang bis auf knapp unter 1.715 USD ist ihnen allerdings (noch) nicht viel gelungen.

Grundsätzlich sollten wir uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass rechtzeitig kurz vor den größten Anstiegen am Goldmarkt meist rechtzeitig alle schwachen Hände nochmal abgeschüttelt werden. Insofern bleibt ein Rücksetzer im Frühsommer das bevorzugte Szenario. Dabei müssen die Goldpreise gar nicht mehr so extrem tief fallen. Ein Rückgang bis auf 1.650 oder bis zur steigenden 200-Tagelinie im Bereich um 1.600 USD würde vermutlich vollkommen ausreichen. Im Anschluss wäre der Goldmarkt bereit für die nächste Aufwärtswelle, welche dann sowohl den Widerstand um 1.800 USD als auch das Allzeithoch bei 1.920 USD anpeilen sollte. 

Kann sich der Goldpreis hingegen den gesamten Sommer über stabil oberhalb von 1.700 USD behaupten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es wenige Monate vor den US-Wahlen ab dem Spätsommer zu einer deutlicheren Korrektur am Goldmarkt kommen wird.

So oder so ist das Chance/Risiko-Verhältnis beim Goldpreis aktuell nicht ideal. Es empfiehlt sich daher solange eine geduldige und abwartende Haltung bis endlich wieder eine überverkaufte Lage auf dem Tageschart und idealerweise auch auf dem Wochenchart vorliegt.  Aus den Augen verlieren darf man den Goldpreis aber nicht mehr, denn in Zeiten von bedingungslosen Stimuli durch fast alle Notenbanken weltweit, bedeutet jeder etwas größere Rücksetzer bereits ein Kaufchance am Goldmarkt. Im großen Bild dürfte der Goldpreis in Richtung seines Allzeithoch bei 1.920 USD unterwegs sein und im Anschluss seinen Anstieg dann auch weiter bis in die mittlere Zweitausender Region fortsetzen.

Florian Grummes

Edelmetall- und Krypto-Experte

www.midastouch-consulting.com 

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Autor: celticgold.eu

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